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Ranger Tagebuch

Servus und willkommen im Ranger Tagebuch! : )
Begebenheiten und Erzählungen vom Lech

Mein "Hintergrund" und die Idee des "Ranger Tagebuches"

Mein Arbeitgeber ist der liebenswürdige Verein Lebensraum Lechtal, welcher sich um den Schutz und die Pflege von Lebensräumen im Lechtal, um die Umweltbildung (z.B. Schulpatenschaften) sowie die Vernetzung der Hauptakteure im Naturschutz am Lech kümmert.

 

Gefördert wird die Ranger Stelle durch das Bundesamt für Naturschutz im Rahmen eines der größten geförderten  Verbundprojekte, welches sich um zwei Hotspot Gebiete, das heißt um Gebiete mit hoher biologischer Vielfalt kümmert. Die Landschaften pflegt, unterstützt und fördert, Umweltbildung betreibt und außerdem wissenschaftliche Monitorings/Beobachtungen und Untersuchungen finanziert und durchführt.

Dieses  Projekt heißt "Alpenflusslandschaften. Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze".

Begriffsklärung

                                                                                                                                                                

Biologische Vielfalt (Diversität) umfasst                                                                                                            

  • die genetische Vielfalt
    (Unterschiede in den genetischen Informationen von Individuen innerhalb einer Art)

  • die Artenvielfalt
    (Anzahl von Arten in einem bestimmten Lebensraum)

  • die Vielfalt der Ökosysteme
    (Vielfalt der Lebensgemeinschaften)

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Das Ranger Tagebuch ist ein Experiment, ich bin selbst gespannt was daraus entsteht und freue mich auf regen Austausch mit Euch :)

 

Alle Angaben zu Heilkräutern sind ohne Gewähr.

Alle Bilder in diesem Blog sind, sofern nicht anderweitig mit Quellenangabe gekennzeichnet, Eigentum vom Lebensraum Lechtal e.V.

 

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen! : )

Wieso habe ich den Lech so lieb gewonnen?

Ich bin seit April 2019 am Lech beim Lebensraum Lechtal beschäftigt und habe mich davor hauptsächlich für das Ökosystem Wald interessiert. Wieso habe ich persönlich nun aber den Lech so lieb gewonnen?
Der Lech ist für mich vor allem deswegen so interessant, weil er so unfassbar vielfältig ist und eine sehr bewegende Geschichte hat.

Wenn ich "viefältig" schreibe meine ich die Vielfalt an Lebensräumen und Landschaften. Diese resultieren zum einen aus der früheren Dynamik der reißenden und kraftvollen Wassermengen des Lechs selbst, also der Dynamik des früheren Wildflusses Lech. Zum anderen gibt es (auch im weiteren Einzugsgebiet des Lechs) viele kleinräumig unterschiedliche Bedingungen für unterschiedliche Arten, die duch die Entstehungsgeschichte des Lechs geprägt wurden. Das waren vor allem die Bewegungen der großen Eis- und Wassermassen der letzten Eiszeiten (der Rißesizeit und der Würmeiszeit).

Bilder: Ein kleiner Einblick in die verschiedenen Lebensräume (hier gibt´s beim Durchklicken noch mehr Infos)

Ich denke da zu aller erst an die Kelten und an die erste schriftliche Erwähnung eines Wortes, welches auf den Ursprung des Namens unseres Lechs hinweist. Ein Stamm der keltischen Stammesgruppe der Vendaliker hieß nämlich "Licates" und siedelte am Lech [1]. Ein gewisser Herr Contzen beschreibt im Jahr 1861 diesen Stamm wie folgt: "die Likatier am Licus, welche sich besonders durch ungebändigte Wildheit hervorthaten" [2].
Hmm.. Das ist doch Interessant! Denn unser Lech war noch vor ungefähr 150 Jahren ein richtiger Wildfluss und wurde um diese Zeit herum natürlich auch noch  als besonders gefährlich und wild beschrieben. Im Jahre 1955 berichtet Knussert über den Lech "Er bricht hervor bei Füssen - schäumend aus der Schlucht des Stromes - gewaltig tobend erschüttert er den entgegen-stehenden Fels. Grausamen Zahns nagt er die grünen Ufer an." [3].

Ein richtiger Wildfluss war er, den die Menschen damals noch nicht zu bändigen wussten. Man kann sich vielleicht vorstellen wieviel Furcht und Respekt die Kelten vor seinen Hochwässern hatten und seiner Kraft riesige Maßen an Geschiebe (Geröll aus den Alpen) zu transportieren. Damit einher kommt seine gewaltige Kraft ganze Steilhänge in seine Fluten zu reißen und so das Land auf einer bestimmten Uferseite zu stehlen. Wenn wir vergleichen wie wir den Lech in unserer heutigen Zeit wahrnehmen. Dann ist das natürlich ein ganz anderes Verhältnis von uns Menschen zum Lech. Wir können in unserer Freizeit die Litzauer Schleife mit dem Kajak herunter paddeln, können am Stadtstrand in Schongau, an der ausgeleiteten Strecke bei Gersthofen oder an anderen Stauseen sicher baden gehen und kriegen auch sonst nichts mehr mit von seiner einstigen Wildheit. Heutzutage freuen wir uns sogar wenn in einem Projekt wie "licca Liber" in Augsburg, dem Lech wieder Uferbereiche freigegeben werden, welche er sich langsam einverleiben kann.

Mit diesem vorbildlichen Augsburger Projekt, dem "licca Liber" kehren wir gedanklich wieder zurück in die Vergangenheit und kommen vom keltischen Stammesnamen der "Likatier", zum keltischen Namen für den Lech selbst, das war der Name "licca" (verschiedene Quellen geben verschiedene Ausführungen wieder "licca". "lica" oder "licus"). Die Römer übernahmen diesen Namen, was so viel heißt wie "der reißende Fluss". Die Wertach übrigens, ein Zufluss des Lechs, bekam den Namen "vindo", was "das grüne Wasser" bedeutet [4][5][6].

Allein zu den Römern könnte man schon einen ganzen Tag lang lesen und sich zum Beispiel vorstellen, wie diese aus den schmalen Pässen, die bereits die Stämme der Kelten mit ihren Maultieren nutzten, zu einer strategisch wichtigen Militär- und Handelsstraße ausbauten. Sie legten die Route für eine leichtere Orientierung vorwiegend geradlinig an, markierten sie mit säulenförmigen Steinen, pflegten sie regelmäßig und besetzten sie mit Wächtern an bestimmten Posten. So eine militärische Siedlung befand sich auf dem Lorenzberg bei Epfach [7]. Dieser Weg konnte mit einachsigen aber auch mit vierrädrigen Karren und Wägen, zum Teil reich verziert und überdacht, befahren werden [8]. Deshalb wurde die Route im Vergleich zur Keltenzeit breiter ausgebaut, sodass Gegenverkehr möglich war [9].
Dieser Weg war die Via Claudia. Die Fernstraße verband die Menschen von der Adria und den Ebenen des Flusses "Po" bis zur Donau und war nicht nur Militär- und Handelsstraße, sondern diente auch als Europas Kulturachse [10]. Aus einem Militärlager, welches im 8. bis 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung an diesem Militärweg errichtet wurde, ging die erste Besiedlung der Stadt Augsburg hervor.

Und wenn wir uns vorstellen, dass wir gemeinsam einen damals üblichen Tagesmarsch auf der Via Claudia laufen würden, dann würden wir das zu Fuß machen, so wie die meisten Menschen in dieser Zeit, denn Pferde und Personenwägen konnte sich damals nur ein Bruchteil der Bevölkerung leisten. Mit "lederne[n] Schnürschuhe[n] mit 60 - 100 Nägeln auf den Sohlen" [11] würden wir 25 bis 30 Kilometer laufen, unseren Körper mit einfachem Essen stärken und uns in einer einfachen Unterkunft zur Ruhe legen [12].

Ihr seht schon, da gibt es viel zu erzählen... Aber am besten ihr schaut euch das mal selbst an. Da gibt es zum Beispiel in Epfach das Museum Apodiacum, welches über den Einfluss der Römer in der Region erzählt oder ihr schaut euch das römische Landgut bei Peiting, die Villa Rustica an.

Von der Frühgeschichte will ich nun wieder mit euch zurückkommen, zu einem relativ aktuellen und sehr wichtigen geschichtlichen Ereignis am Lech. Es geht um den Kampf der Anwohner des Lechs, der ersten amtlichen Naturschützer und einiger engagierter Vereine und Gruppierungen, um den Erhalt des natürlichen Charakters des Lechs.

 

Es gab zwar schon frühe Versuche die Energie des Lechs nutzbar zu machen, so wurde das Lech Wasser in Kanäle abgeleitet als der Stand der Technik es noch nicht erlaubte im wilden Lech Staustufen zu errichten [13]. Als die Technik jedoch soweit war, wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts der alpine Wildfluss, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Rücksicht auf Verluste, rigoros verbaut. Aus dem wilden Hund (im Original "wüldar Hund"), wie Hans Schütz den früheren Lech in seinem Gedicht "Lechanklage" bezeichnet, wurde ein armer Hund (im Original "armr Hund").
Der Preis für den Hochwasserschutz und Landgewinn, bis teilweise direkt an die Ufer des Lechs, ohne jegliche Rücksicht auf die Natur, war und ist immer noch hoch.

Der Lech wurde zunächst "korrektioniert", das bedeutet in ein "kanalartiges enges Korsett aus Beton gezwängt" [14]. Sein geschwungener Verlauf (seine Mäanderform), seine Schlingen und Windungen wurden in eine gerade Form gebracht. Ab dem ersten Weltkrieg begann dann sogleich auch der systematische Bau der Staustufen. Der Höhepunkt des mit allen legalen und illegalen Mitteln durchgeführten Baus, indem seitens der BAWAG bereits ohne Genehmigung Arbeiten begonnen wurden oder entgegen bestehender Beschlüsse gebaut wurde, war der Bau der Roßhauptener Staustufe am Illasberg. Nach einem Zusammenschluss der vorher genannten Aktuere, wie der Anwohner, Vereine, Universitäten und Naturschützern, wie dem ersten amtlichen Naturschützer, Professor Otto Kraus, konnte um 1960 herum, die Staustufe 5 verhindert werden. Somit wurde die Litzauer Schleife, die heutzutage längste naturnahe freifließende Strecke am Lech, ebenso wie ihr Umland, vor einer Flutung bewahrt. Die Illasbergschlucht, ein früher einmaliges Naturschauspiel wurde wie schon erwähnt, entgegen eines Beschlusses des Bayerischen Ministeriums aufgestaut (und ist heute bei niedrigem Wasserstand mit einer Schicht aus Schlamm bedeckt). Offiziell genehmigt war die Staustufe südlich (vor) der Illasbergschlucht, sodass hier das Wasser hätte frei fließen können und die Schlucht selbst nicht geflutet worden wäre. Die BAWAG baute jedoch die Staustufe nördlich (hinter) der Illasbergschlucht.